Wir vermeiden Streit. Wir vermeiden Reibung, weil wir Angst haben, dass sie zerstört oder zu einem Bruch führen könnte. Wir fürchten, dass Streit Trennung hervorruft. Wir glauben, Harmonie sei das Ziel – ein glattes, ruhiges Miteinander ohne Wellen, ohne Widerstand.
Und ja, eine glatte Oberfläche fühlt sich beruhigend an. Aber sie ist vielleicht auch unmerklich. Unberührbar.
Leben entsteht nicht im Glatten, es formt sich nicht behutsam behütet. Wachstum geschieht nicht in der Stille, vielmehr im Echo der Begegnung. Im Aneinanderreiben. Wenn zwei Wahrheiten aufeinandertreffen und sich nicht auflösen, sondern sich gegenseitig formen.
Ich war lange in einer Beziehung, in der Streit vermieden wurde. Harmonie war wichtiger als Echtheit. Einer hat immer nachgegeben – ich war’s nicht, aber am Ende bin ich dennoch selbst dabei geschrumpft, habe mich zurückgenommen, um den Frieden zu bewahren. Frieden war es am Ende nicht, eher ein leises Verkümmern. In der Stille verstummt, ganz ohne Echo.
Dabei wusste ich schon lange, dass Reibung nicht Krieg ist. Reibung ist Berührung. Wenn wir einander wirklich sehen, wirklich fühlen, dann fließen unsere Grenzen ineinander. Nicht, um sich zu verschlingen, um sich ineinander zu verlieren oder aufzulösen, eher um sich zu erweitern. Um zu wachsen.
Wenn ich an Streit denke, bleibt das Bild des Samens, der seinen Weg durch die Erde nach oben findet. Es ist kein sanftes Wachsen, mehr ein Drängen, ein Durchbrechen, ein Geborenwerden. Geburt ist Reibung. Ein vollkommen fruchtbarer Prozess.
Und dann geschieht das Wunder:
Ich erkenne mich selbst in der Begegnung mit dir. Ich sehe mich klarer, weil du mir mich zeigst. Weil du mir dich zeigst. Weil du mich herausforderst. Weil du mir nicht nachgibst, sondern mir standhältst. Ich wachse an dir – nicht, weil du mir den Weg leicht machst, sondern weil du mir den Raum gibst, mich in dieser oder sogar durch diese Reibung zu entfalten.
Vielleicht ist das die Wahrheit der Reibung:
Dass sie uns nicht zerstört, sondern aufbricht, wie die Rinde an einem wachsenden Baum. Dass sie abwetzt, was überflüssig und alt geworden ist. Wie Haut, die man loslässt. Dass wir uns nicht verlieren, sondern uns endlich vollständig zeigen dürfen. Dass wir in dieser Reibung nicht kleiner werden, sondern größer, weiter und inspiriert.
Und jetzt sitze ich hier und frage mich, ob ich das überhaupt teilen will. Ob ich bereit bin, diesen Moment des Erkennens hinauszusenden – oder ob er einfach nur für mich ist. Ein intimer Augenblick, den ich vielleicht noch halten möchte, bevor ich ihn in die Welt entlasse.
Möglicherweise inspiriert er aber auch dich, dieser Moment …
In Liebe
Verena
*
