Vom Fluß der Liebe

Ein Gespräch am Nachmittag mit meiner Stute, die mir so nah ist, als hätten wir seit ewig eine Verbindung. Wir hatten schwierige Zeiten und seltsame Muster, kommen uns aber näher und näher. Ich sehe sie, wenn ich aus meinem Küchenfenster schaue jeden Tag. Ich lausche ihren Worten nur zu gerne. Sie war das erste Pferd, das hörbar mit mir geredet hat. Auf die Frage, wer ich bin antwortete sie damals ganz selbstverständlich: Na, unser Mensch! Das hat mich echt wach gerüttelt. Nun heute erzählt sie von der Liebe.

Ich nehme ein wohliges Brummen wahr. Sie seufzt: Hach ja. – Es ist ein wohliger, nicht trauriger Seufzer.

F: In meinem Herzen ist so viel Liebe. – Sie brummt wieder. – Sie fließt so durch mich durch. Aus mir heraus. Durch meinen Körper. In den Boden, die Luft und wieder zurück. Sie nimmt alles ein. Und lässt doch alle unberührt, weil sie niemanden bedrängt. Kannst du das sehen?

V: Ja, das kann ich. Es sieht wunderschön aus. Du siehst wunderschön aus!
F: Manchmal habe ich Angst, dass die Liebe stecken bleibt, aber bisher ist das noch nicht passiert. Ihr Menschen müsst aufpassen, dass eure Liebe nicht stecken bleibt.
V: Wieso hast du Angst?

F: Na ja, manchmal ist mein Körper so fest und dann weiß ich nicht, ob es einen Stau gibt, weißt du?
V: Ja, ich verstehe dich. Könntest du dem Stau einfach den Weg frei machen?
F: Ja, das mache ich dann. Es ist ganz leicht. Ist es bei euch auch so leicht?
V: Nein, ich glaube nicht. Wir stehen uns oft selbst im Weg.

F: Ich bin müde. – Sie brummt wieder wohlig. – In mir kommt etwas in Fluß gerade.
V: Wie meinst du das?
F: In mir kommt etwas in Fluß. Es ist wie eine Vorbereitung auf eine große, sanfte Welle.
V: Meinst du den Fellwechsel?
F (lacht): Ja, den meine ich auch. Aber es ist auf tieferer Ebene. Momentan kommen kleine, leise Wellen, sie sind nur die Vorbereitung.
V: Auf die große?
F: Ja.

V: Ich finde es irgendwie manchmal beängstigend oder zu viel versprechend wenn man auf „das Große“ wartet. Ein bisschen so, als würde man vorher ständig die Luft anhalten.
F: Es ist nicht beängstigend. Es wird sanft sein. Kraftvoll, aber voller Liebe.
V: Wie eine Wehe?
F: Ja, wie eine Wehe.
V: Woher weißt du das? Du hattest ja noch gar keine.
F: Nein, aber ich habe viele beobachtet und mitgefühlt. Und ich erinnere mich an meine Geburt. Sie war sehr sanft. Wir Pferde machen das mit der Natur in einem Fluß.

V: Oh ja, ich bewundere euch dafür. Es ist unglaublich wie ihr das macht. Wir Menschen können so viel von euch lernen. Ich wünsche mir, dass das viel mehr gesehen wird. Und ich wünsche mir, dass wir alle viel mehr nach einem natürlichen Rhythmus leben. Ohne diesen ganzen künstlich erzeugten Druck.


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