Momentan reite ich nicht, … (1)

Als Kind wurde ich oft gefragt: Boah, wow! Du hast Pferde! Du reitest bestimmt jeden Tag, oder? — Äh. Nein. Eigentlich nur einmal pro Woche.

Wenn ich zurück schaue fällt mir auf, dass das Reiten für mich sehr oft wie ein Zwang war. „Du hast ein Pferd => du MUSST reiten. Vor allen Dingen musst du ES reiten. Weil es sonst ja nur rumsteht. Du brauchst ja kein Pferd, wenn du nicht reitest.“ Und ein anderes durfte ich selten reiten (wir bewirtschafteten den Hof damals als kleinen Reitbetrieb und dem zu Folge lebten meist so um die zwölf Pferde hier). „Reite doch deines! Dafür hast du es doch. Und der hat s am nötigsten.“
Wenn es lange Pausen gab zwischen den Ritten hatte ich schwer mit mir zu kämpfen, mich plagte ein schlechtes Gewissen, weil das Pferd so lange rumstand und ich musste mich wirklich sehr überwinden wieder aufzusteigen. Ich hatte Angst.
Ich fühlte mich sehr unwohl bevor es losging. Also nahm ich mich zusammen, all meinen Mut oder das, was davon übrig war, riss mich am Riemen und holte mein Halfter. War ich in diesen Zuständen unterwegs ließ sich mein Pferd auf der Koppel meist nicht einfangen. Da konnte ich noch so sehr „wollen“, angeblich, er sah das ganz anders. Er sah in mich hinein. Er sah meine Wahrheit, im Gegensatz zu mir. Er sah, oder spürte, dass ich mich total überging. Wobei ich es ja schon fühlte, aber außer Standes war danach zu handeln. „Da musst du dich halt mal überwinden.“ war tief in meinem System verankert.
Nach mehreren Anläufen, Verzweiflung pur, schaffte ich es dann doch irgendwie krampfhaft dieses Pferd zu fangen, zu halftern, zu satteln und letztendlich drauf zu steigen. Mit all meiner geschluckten Frustration. Mit dem ganzen Schmerz in mir, den er dann mit mir zusammen tragen durfte.
„Treib ihn vorwärts!“ Die Ritte selbst waren dementsprechend. Leergefegt ackerte ich mir einen ab, klopfte vehement mit den Beinen in seinen Bauch. Hoffnungslos. Meist saß ich völlig dissoziiert auf meinem scheinbar „sturen Bock“ ohne etwas zu spüren. Ich konnte gar nicht richtig teilhaben weil ich ja eigentlich auch gar nicht anwesend war. Ich musste reiten. Mein Körper saß also auf dem Pferd, aber mein Geist suchte Schutz in den Weiten des Universums damit mein Herz möglichst unverletzt blieb. Ich war zusammengezogen und klein. Ein kleines Mädchen auf einem kleinen Pferd. Irgendwie einsam, irgendwie verloren.
Um das Pferd unter mir zu lenken agierte ich ziemlich grob und ruppig. Ich war ja kaum da und in den Momenten, wenn ich dann agieren musste rutschte mein Bewusstsein quasi wieder ruckartig zurück in meinen Körper um kurzfristig zu richten.
Dem Pferd gefiel das glaube ich alles gar nicht so gut. Er lief unter mir davon, ging mir durch oder, wie oben schon erwähnt, ließ sich erst gar nicht einfangen. Alles in allem ein ziemliches Durcheinander, was nicht unbedingt dazu führte, dass ich mehr Vertrauen ins Leben und zum Pferd bekam. Die meiste Zeit wenn wir vom Boden aus zusammen waren stupste er mich in den Bauch. Das tat ganz schön weh. Aber im Nachhinein wird mir klar warum: Ich war nicht da. Ich war selten wirklich da. Ich hielt es nicht gut aus auf der Erde. Zu viel: überwinde dich, höre nicht auf dich, sei nicht so sentimental, tu das, tu das, sei das, geh reiten, geh raus, mach etwas, häng nicht rum, langweile dich nicht …. vorwärts, vorwärts, vorwärts.

STOP! Wach auf! Ich brauche Platz. Und Raum. Auf mich zu hören. Meiner Stimme da drin zu lauschen um raus zu finden, was ich wirklich will. Was ich brauche. In jedem einzelnen Moment. Was ist es gerade? Sicher kann ich mir nie sein, dennoch darf ich mir den Raum geben, zuzuhören. Und danach zu handeln. Nicht reiten, wenn ich nicht reiten will. Nicht tun, wenn ich nicht tun will. Wenn das der tiefste Wunsch ist. Langsam sein, wenn langsam dran ist. Still sein, wenn still dran ist. Wild sein, wenn wild dran ist. Losgehen, wenn es mich zieht. Manchmal lieg ich auch daneben, aber das macht nichts. Kommt ja ein neuer Moment, in dem ich wieder gucken kann. Und wieder schauen kann, ob ich es diesmal erwische. Ob ich diesmal annähernd deckungsgleich zu dem was in mir ist handle.
Die Pferde sind meine Lehrmeister, meine Spiegel, denn wenn ich es nicht weiß, sie wissen es bestimmt. Sie entlarven meine Lügen. Meinen Selbstbetrug. Immer und immer wieder. Bis ich es selbst kann. Bis ich selbst ein Meister meines Selbstbetruges bin. Oder bis ich ihn meistere? Ihr wisst schon, was ich meine …
Das ist, was ich mit den Pferden „tue“. Ich lerne. Über mich. Ich sehe mich in ihnen. Und ich bin mit ihnen, lebe mit ihnen. Lerne über sie. Beobachte. Und staune. Wie wunderbar sie sind und schlau und kreativ. Und schön. Kraftvoll und weise. Und sehe dann wieder mich. Aufgewacht.

Und Reiten? Eigentlich nur einmal im Jahr … oder wenn es wirklich dran ist …