Vom Loslassen in der Arbeit mit dem Pferd

Vielleicht kennst du diese Momente, in denen dir bewusst wird, wie ungern du loslässt? In denen du bemerkst, wie sehr du klammerst. Du klammerst an Vorstellungen, an Körperhaltungen, an Ideen, an Abläufen. Du klammerst am Boden, im Sattel, an den Zügeln oder darin, wie etwas zu gehen hat. Du spürst das an der Art, wie du dich bewegst, wie sehr dein Körper fest ist, wie du Schwierigkeiten damit hast, dich zu lösen von dem, was du eigentlich vorhattest. Verstehe mich nicht falsch! Es ist nicht verkehrt eine Linie zu verfolgen. Es ist nicht negativ nach einem System zu arbeiten.

_ Offenheit

Allerdings ist eine gewisses Maß an Flexibilität unerlässlich. Jede Begegnung erfordert Offenheit. Offenheit für das, was wirklich sein möchte. Wahrnehmung für das, was als nächstes dran ist. Egal, wie dein Plan war. Zuhören, wofür dein Gegenüber bereit ist. Und nicht zuletzt ein Gefühl für deine eigenen Bedürfnisse, ein Gefühl dafür, wozu dein eigenerer Körper in diesem Moment bereit ist. Egal, wie weit dein Geist heute über euch hinaus wachsen will, alle deine Systeme und die deines Gegenübers dürfen mitwachsen und zwar in angemessenem Tempo. Angemessen bedeutet in diesem Falle allen euren Systemen gerecht. So viel erstmal allgemein.

_ Fragen

Wenn wir uns jetzt wieder dem Loslassen zuwenden, lass mich dir ein paar vielleicht unangenehme Fragen stellen, wie sehr du deinem Pferd die Möglichkeit gibst mitzudenken? In welchem Maß lässt du es mitentscheiden? Wie viel Freiraum lässt du ihm beim Umsetzen deiner Impulse oder Ideen? Gibst du Kommandos und wartest bis es etwas tut? Und bevor es handeln kann schießt du schon das nächste Kommando nach? Oder bist du dabei es in jeder Lebenslage mit Micromanagement zu demotivieren? Heißt du forderst und forderst und während du beobachtest stellst du es ein und formst und tust und machst unablässig irgendwelche kleinen Dinge? Gibst du ihm gar nicht die Möglichkeit deine Ideen selbstständig umzusetzen?

_ Wirf den Ball!

Manchmal passiert genau das. Wir sind zu schnell. Wir geben zu wenig ab. Wir warten nicht. Wir geben ein Kommando und lassen es nicht los. Es ist etwa so, als würdest du deinem Gegenüber einen Ball zuwerfen, den er fangen soll, du spielst den Ball aber gar nicht ab. Es ist als klebte dieser Ball an deinen Händen fest. Oder als würdest du Federball gegen den Wind spielen. Hihi. Du schmetterst wie eine Verrückte den Ball in die Luft und alles, was er tut ist einfach zu dir zurück zu fliegen ohne auch nur im Ansatz bei dem Gegenüber vorbeigeschaut zu haben. Du wartest vergeblich auf die Reaktion deines Gegenübers. Und während du wartest versuchst du unentwegt weitere Bälle abzuspielen. Dein Mitspieler beobachtet dich nur verwundert und versteht gar nicht so richtig, was du da tust oder ob du tatsächlich etwas von ihm willst.

_ Lass los!

Gut, ich gebe zu ich übertreibe ein bisschen, aber das lediglich um zu veranschaulichen, wie sehr du dich abrackerst. Wie sehr du dich aufarbeitest. Wie laut du bist, obwohl du nicht musst. Und wie wichtig es ist und gleichzeitig energiesparend und heilsam das Kommando wirklich loszulassen. Wirklich ankommen zu lassen. Bevor du anfängst auf Reaktion zu warten. Lass es los. Spiel den Ball ab. Gib dem Pferd die Möglichkeit das Kommando, deine Idee, deinen Impuls zu empfangen. Gib dem Kommando die Möglichkeit zu deinem Pferd zu fliegen und dort auch anzukommen. Denn erst dann kann etwas entstehen. Der Same kann sich dort einnisten, wenn du ihn hier loslässt.

_ Empfangen

Im nächsten Schritt empfängt dein Pferd und jetzt ist es an dir nichts zu tun. Einige Atemzüge zu warten, was als Antwort kommt. Ob eine Antwort kommt. Unterlasse es in diesen MiniMomenten weitere MiniKommandos auszusenden. Gib ihm die Möglichkeit dir zu antworten. Halte den Raum frei. Halte den Raum offen, neutral, leer. Warte. Empfange du deinerseits. Es ist wie in einem Gespräch. Während der andere beginnt zu sprechen, schweigst du und hörst zu. Ganz einfach. Wertschätzend und wunderbar still für beide. Dem Pferd gibst du so den Raum deinen Impuls umzusetzen.

_ Hoffnungslosigkeit vs. Eigenverantwortung 

Würdest du hier weitersprechen (sprechen bedeutet in diesem Fall weitere Kommandos senden oder Impulse geben auf MicroEbene), könnte es sein, dass du dein Pferd frustrierst. Es wird hoffnungslos, weil du ihm gar nicht zuhörst. Es hat das Gefühl, es wird nicht gehört, geschweige denn, dass es etwas richtig machen kann. Weil es ja unaufhörlich neue Impulse bekommt. Das ist das Eine. Das Andere ist, im Grunde wünschst du dir ein selbstständiges Pferd. Ein Pferd, das wirklich von sich aus mitdenkt. Ein Pferd, das von alleine motiviert und voller Freude mitarbeitet. Ein Pferd, das bereits beim kleinsten Hinweis merkt, worum es geht. Ein Pferd, das eigenverantwortlich agiert. Vielleicht wünschst du dir sogar ein Pferd, das völlig von selbst tut. Das heißt es erkennt aus den Situationen, worum es geht und handelt entsprechend.

_ Ob das unmöglich ist?

Scheint unmöglich? Ich glaube nicht. Bestimmte Pferderassen sind sehr intelligent und erkennen ihre Arbeitsschritte ganz von selbst. Ein gutes Quarter Horse arbeitet zum Beispiel sehr selbstständig. Das ist nur ein Beispiel. Als der Mensch noch viel abhängiger vom Pferd war, wesentlich naturnaher gelebt hat, war ein gutes Pferd genau das. Selbstständig denkend. Freund und Gefährte in allen Lebenslagen. Oft sogar Lebensretter. Geschichten darüber gibt es viele. Und spüren kann man es in vielen Pferden. Verbinde dich heute mal mit den Zellen deines Pferdes, dort kannst du es lesen. Lausche den Geschichten. Ich glaube, dass viele Pferde auf dieser Erde den Wunsch haben wieder mehr gehört und ernst genommen zu werden. Ihre Intelligenz erkannt und ihr Wirken geschätzt.

_ Fazit

Warum sollten wir das alles wegtrainierten, weil wir glauben, wir wüssten es besser? Warum sollten wir des Pferdes wahre Intelligenz nicht nutzen? Seinen Wunsch mitzudenken nicht wahrnehmen und erfüllen? Warum sollten wir glauben, ein Pferd wüsste nicht, wie es sich unter dem Menschen gesund bewegen sollte? Geben wir ihm die Möglichkeit auch das zu tun, dann wird der Spaß und die Freude am Reiten und am Zusammen sein mit unserem Pferd noch wesentlicher und tiefer. Impulse sind gut. Loslassen ist gut. Antworten abzuwarten ist gut. All das gibt unserem Pferd den Raum wirklich zu wirken. Und wiederum uns ein Beitrag zu sein. Lassen wir uns überraschen, was es alles auf Lager hat.

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In einem der nächsten Artikel erfährst du mehr über den Beitrag deines Pferdes.

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Mein Name ist Verena, ich bin 39 und lebe seit ich denken kann mit Islandpferden zusammen. Ich forsche seit vielen Jahren auf den feinen Ebenen des Zusammenseins mit ihnen. Energie, innere Haltung, emotionaler Zustand und der Effekt auf die Arbeit mit dem Pferd, das ist was mich brennend interessiert. Und wie bringe ich mich wieder in meine Mitte ohne etwas in mir zu unterdrücken? Das und vieles mehr sind Teil meines Trainings auf Basis des Zuhörens (klick drauf). Meine Erkenntnisse entstammen in erster Linie meiner Forschung und Erfahrung. Also dem, was ich selbst erlebe, beobachte und umsetze.